Freitag 24.9.99 - Borken

Bankdrücken bis zum Bewusstseinsverlust.
Coach D und Herr Ypsilon beim traditionellen Champagnerschlürfen.

Der Bus kommt erst um 12:30 Uhr in Borken an, weil unser Busfahrer E. seinen Wecker nicht im Griff hat. Seine gesetzlich vorgeschriebene Pause mitten in der Nacht an einer Raststätte wurde so verfünffacht, wobei es von tiefenschlaftechnischem Vorteil ist, in einem stehenden Bus zu nächtigen. Die Betten sind ein wenig zu kurz. Die Crew baut noch die Bühne auf und verkabelt und wir haben erstmal nichts zu tun. Ich hole mir einen Kaffee im Catering Bereich der R.G.A. (Rote Gourmet Aktion), die uns ebenfalls auf Tour begleitet und schlendere damit um die Stadthalle Vennehof rum. Ziemlich junge aufgeregte Fan-Hühnchen tummeln sich schon an der Halle. Sehr unhöfliche Fans im übrigen, die nicht „Bitte“ und „Danke“ sagen, sondern nur hysterisch Zettelchen unter die Nase halten und dabei ziemlich laut „Autogramm, Autogramm, Autogramm“ rufen. M. ruft auf dem Handy an und war ziemlich ungehalten wegen dem Hundefutter in der Küche. Ich gehe wieder in die Halle und treffe einen Teil unserer Roadcrew die stolze fünfzig Mann hoch ist. Wir gehen mit Coach D. trainieren. Ich hasse Fitnesscenter, nutze aber diese Gruppenzwangmöglichkeit auf Tour etwas für mich zu tun und so erfahre ich von D. während ich auf dem Trimmrad schwitze eine Menge über Kohlenhydrate, Fette und die Bewegung und den Zerfall von Eiweißmolekülen. Schade daß man Fitness nicht kaufen kann; man muß sie sich mühselig erarbeiten. Anschließend Soundcheck in der Halle. Wir haben neue Ohrenstöpsel bekommen mit denen wir noch deutlicher und bequemer hören sollen, was wir auf der Bühne produzieren. Obwohl sie extra vor Wochen durch einen Abdruck unserer Ohren paßfertig gemacht wurden, sitzen sie sehr ungewohnt. Es gibt eine Menge technischer Schwierigkeiten zu bewältigen, während sich vor der Halle schon die Fans formieren. Man mag es kaum glauben. Die Miditechnik, die Synchro-Verkabelung zwischen Computer, Schlagzeuger, Bassist und Keyboarder läuft wunderbar. Die Lampen auf Hydraulikständern und deren Computersteuerung klappt auch anstandslos nur den Schallplattenspieler von Michi kriegen unsere Leute nicht hin. Ständig brummelt und rauscht es auf den Kanälen. Eigentlich wäre erst morgen der Tourstart in Borken gewesen, aber weil die Tickets schon in wenigen Wochen ausverkauft waren, wurde vorne an die Tour noch ein Zusatzkonzert in Borken angeklebt. Aus logistischen Gründen leider ohne unsere großspurig angedrohten Vorgruppen wie Mr. Gentleman und Afrob. Ogott die armen Fans. Keine Vorgruppe und eine unsichere Show mit krächzendem Plattenspieler. Wegen dem technischen Streß kommen wir erst gar nicht dazu ein Medley aus alten Hits zu proben, welches wir als erste Zugabe spielen wollen. Fällt also auch flach. Während dem Einlaß (Fachjargon: Doors Open) sitzen wir bei der Roten Gourmet Aktion und essen lecker. Thomas schläft ein Stündchen in der Garderobe und ich schneide mir mit dem Rasierer die Haare. Dann zack auf die Bühne und spielen. Der anfänglichen Routine folgt schnell unsere übliche Live-Begeisterung, obwohl wir die Titel alle aus dem Rückenmark beherrschen, weil wir sie mit dieser Band auch über den gesamten Sommer auf Festivals und im Frühjahr auf einer geheimen Clubtour zum besten gaben. Der Song „Populär“ am Ende der Zugabe hat uns bisher aus jedem dramaturgischen Tief gezogen. Hinterher total durchgewunken hängen wir nackt in der Garderobe und stellen fest, daß das Programm am Anfang klare Schwächen hat und stellen ein paar Lieder um. Dann traditionell Champagner, den wir uns auf die Band-Lebensmittel-Liste setzen ließen um nach jeder Show anzustoßen. Traditionen sind wichtig auf Tour, denn sie unterstreichen die Solidarität und Kameradschaftlichkeit untereinander, was bei einem Trupp von derartiger Größe äußerst wichtig ist. Auf dem Weg zum Hotel ins nicht allzuweite Recklinghausen verfranst sich unserer Busfahrer und braucht länger als unser Manager Bär, der die Strecke am Nachmittag aus Fitnessgünden mit dem Fahrrad zurücklegte. Ich frage E. nach seinem Geburtstag, denn ich möchte ihm einen guten Wecker und ein Satelliten-Navigationssystem schenken. Sehr spät im Hotel schaue ich noch eine halbe Stunde spektakuläre Autorennunfälle die trotz ihrer stellenweise Heftigkeit weit weniger gruselig sind als die Kommentare der beiden hirnlosen Moderatoren.


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