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Lesen |
Verführung zum Lesen (2003)Eine nicht sooo grandiose Idee eines Verlages, 50 Promis von ihren lebensverändernden Büchern berichten zu lassen, weil da ja auch ziemlich eitles Zeug bei rauskommt. Nunja, "junge Leute" sollten mit diesem Projekt zum Lesen "verführt" werden. Beim scharf Nachdenken fiel mir auf, daß ich ehrlich gesagt keinen Roman oder Erzählband als lebensverändernd einstufen würde. Ich dachte sofort an Fachliteratur. Ein Buch hat mein Leben verändert: Caroll Smiths "Drive to Win". Diesen Text habe ich im dreimonatigen Aussteigerurlaub auf der Insel geschrieben und hatte das Original-Buch natürlich nicht zur Hand. Nachdem der Text veröffentlicht wurde, sollte ich auf einer Lesung aus "Drive to Win" vorlesen und fand keine einzige Stelle in dem Buch, die meiner tollen Inhaltsangabe entsprechen war. "Drive to Win" hat trotzdem meim Leben verändert und ein guter Geschichtenerzähler stelltja gerne mal die Pointe über die Wahrheit. Motorsport. Was für ein weltlicher Zeitvertreib hirnloser Gaspedalcowboys. Was für eine Sünde an der Natur und am echten Menschgebundenen Sport. Zeitlebens ein leidenschaftlicher Videospielfan besitze ich jetzt, als solventer Erwachsener alle nennenswerten Konsolen und an meinem PC wird nur aus Alibigründen gearbeitet. Nach ein paar uninspirierten Konsolen-Formel-Eins-Zocks griff ich aus Interesse zu einer PC-Simulation der Saison 1967, der ersten Saison, in der noch kein Sponsoring auf den Autos war, ebensowenig wie Spoiler oder Sicherheitsgurte. Mangels TV-Übertragung war das lebensgefährliche Rumgefahre ein Playboy-Hobby von Adelssöhnen oder Neureichen, die aus blankem Sportsgeist und Wahnsinn ihr Leben riskierten. Papyrus-Racing, die Hersteller dieser Software sind die rennsportbegeistertsten Gamedesigner der Welt, die sich zum Ziel gesetzt haben, ausschließlich Simulationen mit hochklassigem Realitätsanspruch zu erstellen. Ihr Glanzstück ist ein Abbild der dramatischsten Vermählung aus Todesmut und Sportsgeist aus einer Zeit in der der heute komplett taube Jack Brabham seinen Wagen eigenhändig zusammendengelte um damit Meister zu werden. In einer Zeit in der jeder dritte Formelfahrer auf der Piste starb: Grand Prix Legends: Ganzzahlige Rechenalgorythmen stellen die Kraftübertragung von Zylindern auf Kurbelwelle und via Getriebe auf die Reifen und den welligen Asphalt in einer Präzision dar, die so verblüffend ist, dass man am virtuellen Volant aus Respekt vor der Kraft vom Gas geht statt Kette zu geben. Alle Videospiele mit Autos wurden angesichts dieser selbst auf gerader Linie extrem schwierig zu beherrschenden Aluzigarren zu nichts weniger als ordinären Telespielen degradiert. Grand Prix Legends ist ein Abbild der Realität; kein Spiel. Es gibt eine kaum befriedigendere Computerbeschäftigung, als nach wochenlangen Training endlich eine Hunderstel zu finden. Derart angefixt, bin ich auf die Suche nach weiterführender Literatur auf das in den USA verlegte „Drive To Win“ von Carrol Smith gestoßen. Ein legendäres Handbuch für Rennfahrer, welches neben rein sachlich-mathematisch-physikalischen Aspekten einen Gutteil über Meditation, innerer Ruhe und Rennpsychologie im allgemeinen anonnciert. Caroll Smiths Schreibe offenbart Motorsport als Gleichnis, eine hohe Idee, ein Licht. Smith erörtert blumenreich, daß nur innere Ruhe, Ausgeglichenheit, ein Gleichklang der Seele es ermöglicht ein Auto so schnell wie physikalisch möglich zu steuern, und daß diejenigen die es tun können gesegnet sind. Eine Handlung die sich auf dem Papier ebenso errechnen läßt, wie der perfekte Torschuß, aber nunmal doch von einem sündigen Mensch ausgeführt wird, der ein Instrument mit Instinkt bedient und nicht mit Kopfrechnen. Ein Auto am Limit bewegen ist Musik. Man hört das Chassis, die Luft, den Motor, man spürt jede der Myriaden von Erhebungen auf dem Asphalt, man ist eins mit dem Gerät welches man bedient, es ist sehr heiß und schwül, extrem laut, unbequem. An einem solchen Ort des Stresses hat der Pilot sein Innerstes zu finden und zu betrachten um mit aller Ruhe meditativ Entscheidung von unter Umständen lebensbedrohlicher Konsequenz zu überdenken. „Der Preis einer beweglichen Menschheit ist der gelegentliche Unfall“ ist eines von zahlosen Caroll-Smith-Mantras. Ich bin sein Jünger. Nichts kann mich von seinem Glauben abbringen. Dieses Buch hat mich zu einem Motorsportler gemacht. |
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