Marius und Smudo Backstage Echo 1996.

Rezension Westernhagen Album "Radio Maria" Spiegel 1998

Hui. Die deutsche Presseinstitution möchte von mir Fantie doch tatsächlich einen Text über das aktuelle Album der deutschen Popstarinstitution Marius-Müller Westernhagen "Radio Maria" haben. Ich habs versucht. Und das Ergebnis ist mir tatsächlich heute noch unpeinlich genug, es hier zu zeigen.

Funky Marius macht Laune

Westernhagen - was für eine Institution. Ein feststehender Begriff wie Tempos, Nutella oder Maggi. Nur für was steht er ? Für die Urväter der deutschen Popmusik oder für besonders deutsche Musik im allgemeinen ? Oder gar für Tradition ? Für Westernhagen will ich das mal nicht hoffen, obwohl es ja leider so ist, daß das Publikum am liebsten sein eigenes Gedächtnis beklatscht, wie das der tolle Humorschreiber Max Goldt so schön formuliert hat. Und weil das Publikum immer nur bei den Stücken applaudiert, die es auch kennt und erwartet, ist es ein schlechter Kritiker.

Ich nehme mal an, daß Marius sich selbst als flexiblen Künstler betrachtet, als einen Fan des amerikanischen Grooves. An seinen Status als Markenprodukt hat er sich hoffentlich gewöhnt. Ich stelle mir den großen Marius vor, wie er zu Hause an Songideen arbeitet und natürlich auch sein Image und sein Älterwerden auf der Schulter sitzen hat - wie ein Papagei, der ständig dazwischenquasselt und so für einen enormen kreativen Druck sorgt.

Werden Tausende von Kritikern krächzen, er sei mit knapp 50 langsam zu alt für den Rock'n'Roll ? Werden die Fans mal wieder behaupten, daß ihnen die alten Sachen besser gefallen haben ? In meinen Alpträumen sehe ich ein opportunistisches, halb devotes Heer von Managern, Produzenten und Studiomusikern, die zu fast allem, was Westernhagen vorschlägt, immer gerne "Super, Marius, machen wir so" sagen. Führt so was auf Dauer zu einem überzogenen oder verkümmerten oder gesunden Ego ? Wie setzt sich wohl die Motivation zur Albumproduktion zusammen ? Wie ist das Entscheidungsvieleck aus Gewohnheit, Geld, Lust, Vertragsverpflichtung, Gruppenzwang und Ego gewichtet ?

Zugegeben, ich bin ein ziemlicher Westernhagen-Laie. Einmal beim Durchzappen "Theo gegen den Rest der Welt" für zehn Minuten angesehen, die Singles kenne ich aus Radio und Musikfernsehen. Immer wenn ein neues Album erscheint, erzählen mir zwei Dutzend Freunde und Musikbranchisten ihre Meinung dazu. Dabei interessieren mich deren Ansichten eigentlich weniger. Viel toller ist der Phantasie-Spielraum zwischen dem Künstler, den ich nicht persönlich kenne, und seinem Werk, und diesen Spielraum kann ich selbst mit Personality-Mutmaßungen und wilden Theorien über lustlose Zwangskreativität füllen.

Direkte Begegnungen zwischen Westernhagen und mir fanden nur hinter irgendwelchen Bühnen im Vorübergehen statt und beschränkten sich auf gegenseitige Sympathiebekundungen. Es ist sehr einfach und auch bequem, einander einfach nur gut zu finden. Zum einen beweist das eine gewisse Höflichkeit, zum anderen dient es dem Erhalt meiner Interpretationsmöglichkeiten: Rummäkeln kann man immer, aber das Album von jemandem zu loben, den man eigentlich doof findet, ist ziemlich schwer.

Natürlich habe ich uneingeschränkten Respekt vor der Person Westernhagen. Ich höre aus früheren Liedern wie "Dicke" oder "Sexy" das raus, was auch ich selbst gern in deutschsprachiger Musik höre und sehr stark in ihr vermisse. Nämlich groovy und funky zu sein. Eine gewisse schwingende Schwärze zu haben und auch mal soulig einfach "Yeah" zu sagen oder sonstige Tanz- und Groove-Geräusche wissentlich in die Aufnahme zu plappern. Die deutsche Popmusik ist mir zu steril, und für die Aufweichung gängiger Vortragsmethoden bin ich der Marke Westernhagen dankbar.

Endlich drängt mir der SPIEGEL ein Album von ihm auf und zwingt mich mit Geld und Ruhm, es mir von vorne bis hinten anzuhören. Den kleinen Zweifel, ob ich überhaupt kompetent genug bin, beiseite gefegt: Letztendlich sollte es um die neue Platte gehen. Und die ist interessant.

Textlich habe ich durchaus meinen Spaß. Natürlich nicht durchgehend. "Durch deine Liebe" ist - wie die ungeile Single "Jesus" - ein Religionsthema, allerdings textlich mit Abstand das Trivialste auf dem Album. Wenn ein solcher Titel mit den Worten beginnt "Du machst Blinde sehn, du machst Lahme gehn", dann brauche ich nicht mehr weiterzuhören, weil ich ohnehin schon weiß, was passiert. So wie der Text der Langeweile-Koeffizient dieses Gottvater-Songs ist, so klingen für mich, den Rockgeschichts-Laien, die Gitarren der Sohnemann-Jesus-Single: öde. Wie die heutigen Rolling Stones.

Das ist schade, denn große Teile der Platte sind sehr unterhaltsam. Ganz weit vorne ist "Walkman", welches sich zwischen Paul-Simon-Graceland-Sound und Rock-Ragtime abspielt. Das paßt in mein Bild vom Funky-Marius und paßt zu seiner Art, Deutsch zu einer griffigen Unterhaltungsmusiksprache zu machen. Das Wort "Walkman" wirkt in dem Lied sogar ein wenig deplaziert, und das will was heißen, schließlich ist der Begriff inzwischen so englisch wie deutsch.

Das Stück schildert ein klassisches Altehen-Schicksal: Ein dicker Bankier angelt sich in seinem Alter noch eine Lolita ("ein Mädchen mit Hang zum Personal"). Die Ehefrau will sich daraufhin scheiden lassen. Ihm ist das egal. Magic Word: Ehevertrag.Der Ätsch-Refrain: "Ich sitz' in deinem Walkman und schreie dir ins Ohr - ich trage keine Waffen; das ist nicht mein Ressort." Und dann: "Ich bin kein Schwarzenegger, kein Bombenmuselmann, eher wie Boris Becker, dem du blind vertrauen kannst." Bomben, Boris, Becker, blind, alle B auf den Punkt - das macht Laune.

"Alleine" geht ähnlich ab: Black-Crowes-Südstaaten-Bluesrock mit Druck und einer kleinen Prise Popmusikhochschule. "Alleine - ohne Aufschub - ohne Elfmeter". Da wird gebrüllt und geschrien. Yeah. Kurz beschleicht mich der Gedanke, da§ ich hier in eine Zielgruppenfalle für die ewigen Marius-Rock-Fans getappt bin. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, daß der Hörer immer komplizierter denkt als der Sänger.

Bei der rockerfrivolen Bonnie-und-Clyde-Variante "Rosamunde", welche in den ersten zwei Zehntelsekunden an "Hurra, hurra, die Schule brennt" von Extrabreit erinnert, komme ich dann aber wieder ins Grübeln. "Rosamunde - geiles Biest - ohne Höschen nach Paris" klingt mir zu sehr nach Pose und dem Wunsch, das frühe Publikum zu bedienen.

Natürlich kann ich leicht ein paar Lieder in Schubladen ablegen. Festen Willens, keine abgegriffenen Grönemeyer-Parallelen zu bemühen, drängt sich mir bei "Wieder hier" doch der Eindruck auf, die Marius-Variante eines Ruhrpott-Heimatlieds wie "Bochum" zu hören - auch wenn die sich hier subtiler als Lovesong tarnt. Wird im Westfalenstadion sicher der Live-Knaller.

Auch meine Vorstellung vom Altersproblem des Künstlers und der daraus resultierenden Imagefrage kann ich, so scheint es, bei der Ballade nachdenken, "Kind von gestern" unterbringen. "Ich bin ein Kind von gestern - ich hab mein Herz verkauft an einen Mann von morgen, er war nicht mal getauft."

Aber Irrtum, alles falsch verstanden. Die Erkenntnis kommt erst beim dritten Hörversuch. Da singt Westernhagen: Als "meine erste Frau mir einen Sohn gebar, als sie noch Jungfrau war ... Ich bin verkleidet als Prophet". Es geht also gar nicht um den älter gewordenen Mann von morgen, sondern: schon wieder um den Heiland. Durch Kniffligkeit der Verse hat der Songschreiber den Kritiker blamiert. Hier steckt der Unterhaltungswert im Text: zuhören, nachdenken, verstehen. Zuhören allein reicht nicht.

Schön ist das ergreifende "Hoffnung", weil ich finde, daß Lieder über die Liebe nicht einfach zu schreiben sind, wenn sie Substanz haben sollen. Trotz kitschigen Liederjan-Sounds und Barclay-James-Harvest-trifft-Pink-Floyd-Refrains gehört die Wird-aus-unserer-langen-Up-and-down-Beziehung-noch-mal-was-Geschichte zu meinen Textfavoriten, die ich obendrein grübellos verstanden habe.

Manch anderes habe ich allerdings nicht begriffen. Warum betrauert Westernhagen beispielsweise den geplatzten Traum von wahrer Liebe, indem er ausgerechnet die Geschichte eines Cowboys erzählt ? Der erschießt den Freier der Saloontänzerin "Lola Blue" aus Liebeskummer und wird dann zur Strafe erhängt ("kein Happy-End spielte die Band, und selbst mein Pferd hat die Hinrichtung verpennt"). Die Musik klingt wie eine Roger-Whittaker-Country-Ballade. Der Popstar als Westernheld ? Oder der Westernheld als Popstar ? Jetzt hätte ich gern eines dieser Reclam-Interpretationshilfe-Bändchen.

Musikalisch wird für mich mit "Radio Maria" in keinster Weise das Rad neu erfunden. Vielleicht haben Westernhagen und seine Mitspieler aber nur an alten Tugenden festgehalten, statt sich mit aufgesetzten Experimenten musikalisch für Leute wie mich zu liften. Vielleicht ist ihm die ganze Grüblerei und Taktiererei auch vollkommen egal. Das würde ich ihn gerne mal fragen. Passenderweise bei einem Glas Nutella.


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